Giulio Lucciola (Rom, 1998) ist ein Organist einer neuen Dimension, der eine solide akademische Ausbildung mit einer unabhängigen und eigenständigen künstlerischen Haltung verbindet. Im Alter von acht Jahren entdeckte er die Orgel und erkannte sofort, dass dieses Instrument seine musikalische Persönlichkeit am besten widerspiegelte – ein Weg, den er seitdem mit Klarheit und Entschlossenheit verfolgt. Seine Ausbildung verschaffte ihm eine solide technische und stilistische Grundlage, während ihn seine persönliche Suche dazu brachte, sich der Tradition aus einer zeitgenössischen Perspektive zu nähern, frei von Schulen und Dogmen. Heute vereint sein Werk technische Meisterschaft und eine zukunftsorientierte Sichtweise auf das Repertoire und die Ausdrucksmöglichkeiten der Orgel.
Seine formale Orgelausbildung absolvierte er zwischen 2013 und 2017 am Liceo Musicale Farnesina in Rom, wo er bei Luca Purchiaroni und Vincenzo Zito studierte. Anschließend setzte er seine Ausbildung von 2017 bis 2020 am Conservatorio Santa Cecilia in Rom bei Alessandro Licata und Alberto Pavoni fort und schloss den Bachelor of Music in Orgelperformance mit Bestnote und Auszeichnung ab.
Im Sommer 2020 zog er in die Schweiz, um seine musikalische Ausbildung fortzusetzen. Er schloss 2022 den Master of Arts in Orgel am Conservatorio della Svizzera Italiana in Lugano bei Stefano Molardi ab und begann anschließend den Master in Kirchenmusik an der Hochschule Luzern mit dem Hauptfach Orgel und dem Nebenfach Chorleitung. In Luzern studierte er bei Suzanne Z’Graggen (Orgel), Kay Johannsen (Improvisation) und Stefan Albrecht (Chorleitung). Während dieser Zeit wurde er mit dem 1. Preis des Alois-Koch-Wettbewerbs ausgezeichnet, eine Auszeichnung, die sein Engagement und seine Leistungen als Student würdigt. Diese Phase vermittelte ihm ein umfassendes Verständnis für die Rolle des Kirchenmusikers, von der liturgischen Praxis bis hin zu den Aufgaben, die mit der Leitung und Gestaltung des Musiklebens einer Gemeinde verbunden sind, und bereitete ihn sowohl auf die Konzerttätigkeit als auch auf die berufliche Arbeit im Bereich der Kirchenmusik vor.
Neben seiner akademischen Tätigkeit hat er an zahlreichen Meisterkursen bei bedeutenden internationalen Organisten teilgenommen. Begegnungen mit Jean Guillou, Jean-Baptiste Monnot, Olivier Penin, David Briggs, Daniel Cook, Ralph Gustafsson, Ludger Lohmann und Lorenzo Ghielmi haben maßgeblich dazu beigetragen, seinen künstlerischen Horizont zu erweitern und seinen interpretatorischen Ansatz zu verfeinern.
Sein künstlerischer Schwerpunkt liegt vor allem auf dem französischen Romantik- und Repertoire des 20. Jahrhunderts, das den Kern seiner musikalischen Identität bildet. Das späte 19. Jahrhundert bildet die Grundlage seines Schaffens, wobei sein besonderes Augenmerk den Komponisten gilt, die die französische Tradition geprägt haben, darunter Lefébure-Wély, Franck, Lemmens, Dubois, Guilmant, Gigout und Boëllmann. Diese Ästhetik erstreckt sich natürlich auch auf die Orgelsymphonik von Widor und Vierne, die einen wesentlichen Platz in der Entwicklung seiner musikalischen Sprache einnimmt.
Er widmet sich auch intensiv der französischen Musik des 20. Jahrhunderts und beschäftigt sich eingehend mit den Werken von Dupré, Tournemire, Bonnet, Langlais, Litaize, Alain, Demessieux und Guillou. Innerhalb dieses Spektrums nimmt die Musik von Olivier Messiaen als seine wichtigste künstlerische Referenz einen besonderen Platz ein, da er in ihr am deutlichsten die Essenz seiner eigenen musikalischen Identität wiedererkennt.
Obwohl die französische Tradition nach wie vor den Kern seines künstlerischen Profils bildet, widmet er sich mit Leichtigkeit dem deutschen Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts und nimmt häufig Werke von Liszt, Mendelssohn, Brahms und Hindemith in seine Programme auf. Sein Repertoire umfasst auch die großen Orgelmeisterwerke von Johann Sebastian Bach, die für jeden Organisten eine wesentliche Grundlage bilden, sowie ein anhaltendes Interesse am französischen Barock. Durch diesen breiten und flexiblen Ansatz bewahrt er sich eine vielseitige interpretatorische Perspektive, die sich über verschiedene Epochen und Musiksprachen erstreckt, während er gleichzeitig fest in seinen wichtigsten ästhetischen Referenzen verwurzelt bleibt.
Parallel zu seiner akademischen Laufbahn hat er nach und nach eine Konzerttätigkeit aufgebaut, die ihn nach Italien, in die Schweiz und nach Frankreich geführt hat. Derzeit ist er Organist der Reformierten Kirche in Rafz, einer Stadt im Zürcher Unterland im Kanton Zürich (Schweiz), wo er auch lebt.